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spielo
06.04.2009, 05:55
Sie will ja nur spielen

Wenn Sandra Naujoks schläft, dann träumt sie nicht wie andere junge Frauen von ihrem Freund oder der nächsten Urlaubsreise. Wenn Sandra Naujoks schläft, dann träumt sie von Königen und Assen, von Full House und Royal Flush, von endlosen Nächten in Casinos, in denen sie Berge von Chips vom grünen Filztisch abräumt.
- Die 27-Jährige träumt vom Pokern. "Das Spiel begleitet mich bis in den Schlaf, es ist meine Leidenschaft", sagt sie. Ihre Leidenschaft und ihr Beruf.
"Black Mamba", wie sie in der Spielerszene genannt wird, ist die beste Pokerspielerin Deutschlands. Vor drei Wochen gewann sie in Dortmund das EPT-Turnier, eine Art Champions League des Poker, gegen knapp 670 Teilnehmer und konnte über 900 000 Euro Preisgeld mit nach Hause nehmen. Ein Star innerhalb der Pokerwelt ist sie aber schon seit letztem Herbst, als sie in Baden als erste Frau überhaupt die Europameisterschaft im Pokern gewann.
300 Tage im Jahr unterwegs
Nun sitzt die gebürtige Dessauerin in einem Cafe an der Kastanienallee und bestellt einen Cappuccino. Als sie vor zehn Minuten das Lokal betrat, drehten sich die Köpfe der anwesenden Gäste reihenweise nach ihr um. Schwarze Seidenbluse, schwarze Wallemähne, dazu ein paar stahlblaue Augen, die das Gegenüber aufmerksam fixieren. Einen besseren Spitznamen als "Schwarze Mamba" hätte sich wohl niemand für sie ausdenken können - zumal sie sich tatsächlich zu Hause in Prenzlauer Berg eine Schlange als Haustier hält: "Die braucht aber nur alle paar Wochen etwas zu fressen", sagt sie und schmunzelt. Das ist auch praktisch so, denn "von 365 Tagen im Jahr bin ich 300 Tage auf Turnieren unterwegs". Gerade mal zwei Tage sei sie nun in Berlin gewesen, erzählt sie, nächste Woche müsse sie weiterjetten. Da stehen San Remo, Monte Carlo und Venedig auf dem Programm. Im Sommer wird sie an ihrem bisher wichtigsten Turnier teilnehmen, der Weltmeisterschaft in Las Vegas. Dort winken dem Sieger zwischen acht und zwölf Millionen Dollar Preisgeld. Ob sie dieses Mega-Turnier gewinnen könnte? Ach, was. Naujoks ist realistisch: "Bei über 8000 Teilnehmern ist die Chance auf einen Sieg relativ gering."
Der Titel der Europameisterin ist bisher der Höhepunkt ihrer Karriere, die vor dreieinhalb Jahren zu Hause vor dem Computer begann. Damals arbeitete sie noch als freiberufliche Grafikerin, war neu in Berlin und surfte abends im Internet: "Durch Zufall bin ich dann auf diese Poker-Seite geraten".
Sie fand Spaß am Spiel und eignete sich die Regeln an. Und sie war fleißig, las Bücher zum Thema, verbesserte ihre Strategie, errechnete Gewinnchancen und analysierte - nicht nur ihre eigene Hand, sondern auch die ihrer virtuellen Gegner. Eine fundierte theoretische Grundlage sei sehr wichtig für ein gutes Pokerspiel, findet Naujoks. Im deutschen Gesetz fällt Poker unter das Glücksspiel und darf um "Echtgeld" nur in Casinos gespielt werden. Nach dieser Definition hätte ein Amateur die gleichen Gewinnchancen wie ein Profi und ein gemütlicher Kneipen-Pokerabend wäre - wenn um Geld gespielt wird - strafbar.
Sie selbst reserviert fünf Tage in der Woche für das Kartenspiel, und wenn sich live keine Gelegenheit biete, "dann geht ganz schnell der Laptop auf". Dann spielt Sandra wieder gegen virtuelle Gegner. Aber fehlt beim Online-Spiel nicht doch das alles Entscheidende? Die verräterische Mimik, der große Bluff, das berühmte Pokerface? "Die psychologische Komponente ist beim Live-Spiel viel wichtiger", bestätigt Sandra Naujoks, "man muss nicht nur seine Hand tarnen, sondern auch seine Mimik kontrollieren". Es gäbe Pokerspieler, die redeten viel und andere, die nur vor sich hin starrten: "Da hat jeder sein Geheimrezept."
Sie selbst zählt sich zu den "introvertierten" Spielern und zeige kaum Reaktionen. Die notwendige Selbstbeherrschung sei aber auch Talentsache, glaubt sie: "Bei einem Super-Blatt völlig neutral in der Körpersprache zu bleiben - das muss man schon irgendwie drin haben." Es gäbe Spieler, die hätten zwar eine starke Hand, bei denen mache sich aber in einer aufregenden Situation die Halsschlagader zuckend bemerkbar: "Deswegen tragen so viele Pokerspieler Schal und Rollkragenpullover."
Weiblichkeit hilft nicht
Hat sie als Frau schon mal einen männlichen Spieler aus dem Konzept gebracht? Sandra, die Single ist, verneint: "Es werden Startgelder zwischen 5000 und 10 000 Euro bezahlt, da lässt man sich nicht von irgendwelchen weiblichen Reizen ablenken." Männer könnten sich aber schnell in aggressive Ego-Kämpfe verstricken. Das hat sie oft erlebt - "Und dann kassiert."
Dass Sandra ihre Emotionen im Griff hat, demonstriert sie kurze Zeit später. Als der Fotograf sie fragt, ob sie für das Foto wohl ein paar Spielkarten in die Luft werfen könne, bemerkt man nur für einen Bruchteil einer Sekunde hinter dem freundlichen Gesicht ein lautloses Aufstöhnen. Bitte nicht diese Peinlichkeit hier vor allen Leuten, denkt sie wohl. Reagiert hat sie wie ein Profi. "Natürlich, mach ich. Das gehört ja dazu."

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